Freude am tief sinken

Der Künstler Nikolaus Eberstaller über den Menschen Paul Achs.

Es war ein Freitag im Herbst 1975. Paul war sieben und fühlte sich großartig  obwohl sich dieser Tag so entwickelte, dass er beinahe sein letzter geworden wäre. Manche würden den Tag, an dem der Tod dein Leben begrapscht, als verfluchten Unglückstag bezeichnen und nichts mitnehmen außer Angst und Schmerz – für seine Familie, zu der auch ich mich zählen darf, ganz besonders aber für ihn selbst, war es ein Glückstag –, auch wenn wir das erst aus der Distanz vieler Jahre erkannten. Aufgrund der Ereignisse begann die Hinwendung des Paul Achs zu anderen, weniger offensichtlichen Sichtweisen. Das, was man sah, war lange nicht das, was man spüren konnte, wenn man hineinblickte in den Kern der Dinge. Und mitunter konnte man Dinge spüren, die vermeintlich gar nicht da waren, die man nicht sehen, sondern nur erahnen konnte. Bei guten Wein verhält es sich ähnlich: Die optische Prüfung des Weines, das kurze Sinnieren über Farbe, Schlierenbildung und Etikett – die Rasterfahndung im Offensichtlichen –, das alles ist Spielerei, denn wenn der Wein im Inneren passt, dann ist das Äußere Staffage. Anders gesagt: Paul Achs’ Weine würden auch mit deaktiviertem Lichtreizwahrnehmungssystem gefallen (ich vermeide das Wort Blindverkostung, denn wer nichts sieht, ist noch lange nicht blind).

Blind ist nur, wer nicht mehr wissen will.

Wir unterhielten uns bereits als Teenager über unsere am eigenen Leib erfahrene Überzeugung, wie sehr das Äußere unser Inneres formt und dass Krankheiten, Verletzungen oder körperliche Einschränkungen uns positiv formen können. So durfte ich mit dem Gefühl aufwachsen, dass ein abgetrennter Unterschenkel bei Weitem weniger sensationell ist als ein Schneckenrennen – von manchen, die das Schicksal eingehender prüfte, wurde Pauls Verletzungsgrad gar als Hautabschürfung betrachtet. Paul lehrte mich, wie unsichtbar wahre Schönheit ist. Er hat sich schon früh mit Reife beschäftigt. Es war nur konsequent, dass er sie als Erwachsener in den Mittelpunkt seines Tuns gestellt hat.

Große Weine sind die Subsumierung intimer Geschichten: der WinzerInnen, ihrer Geschichten, ihrer Lebenshaltung, ihrem Übermut und ihrer Verzweiflung. Trinken Sie doch zum Vergleich einen eichengechipten Wein aus dem Hochhausstahltank. Der wird Sie nicht viel spüren lassen, außer die rasch verfliegende Freude über den erstaunlich niedrigen Preis. Süffeln Sie an einem der Weine, die der Winzer off records als seine warmen Semmeln bezeichnet und die er Jahr für Jahr gleich designt. Machen Sie das auch mit Ihrer Lektüre? Gehen Sie jährlich in den Buchladen und kaufen Sie dort immer dieselbe Kurzgeschichte? Wenn ja, ist das Lesen immer auf’s Neue spannend? Erschrecken, lachen, weinen sie an den selben Stellen? Nein?

Eben.

Paul Achs unterstützt seine Weine mit dem, was er zu wissen vermutet, auf selbstgefälliges Prägen aber verzichtet er. Dass er viel erlebt, gefühlt, gesehen, geliebt und bedauert hat, ist ihm dabei dienlich.

Denn aus all diesen Erfahrungen, vor allem aber aus dieser Haltung heraus hat sich entwickelt, was heute Menschen in aller Welt fasziniert: das Wesen seiner Weine. Wer bereits als Kind erfahren hat, wie unwesentlich der Schein und wie beseelt das Sein ist, der hat das Potenzial, mit Faszination durchströmte Weine zu schaffen ... weil er kein Interesse am Blingbling hat, weil er erkannt hat, dass es die Falten sind, die ein Gesicht beleben und nicht der alles betonierende, künstliche Eingriff. Es gibt Weine, die mit brüllender Marschmusik den Gaumen passieren – Pauls Weine aber sind voller leiser Töne, die dich in ihrem Zusammenspiel überwältigen. Trends kamen, gingen, trauten sich aus der Deckung, wurden an- und wieder abgesagt. Wer seine Wirbelsäulenflöte so aufrecht trägt wie Paul Achs, der kann mit voller Glaubhaftigkeit seinen Weg gehen, ohne den der anderen gering zu schätzen. Orange sieht er kritisch, ohne abwertend zu sein. Es ist ein Erlebnis, mit ihm maischevergorene Weißweine zu kosten, die ihm schmecken – denn auch hier offenbart sich, wie gut ein unbestechlicher Geist das Grobe vom Feinen trennt ... und wie vorrangig vor allem anderen der eigene Geschmack zu sein hat.

Paul blieb Meister Eder und klopft sich stetig den Starwinzerstaub von seinen breiten Schultern, um weiterhin mit den Stärken eines Kindes Wein zu machen: uneitel, voll Freude, Wissbegier und Faszination am großen Ganzen. Er beobachtet die Welt mit einer Ruhe, um die ich ihn unbeschreiblich beneide. Nichts scheint ihn aus dieser Balance werfen zu können – weder das Schmelzen der Polkappen noch einer seiner vier Söhne. Nur selten, dann aber mit großer Bühnenreife, wirft er Magma aus. All das verbirgt sich auch in seinen Weinen. Es ist eine reduzierte Schwerkraft, die sie durchströmt und leichtfüßig werden lässt, eine Eleganz, die in sich ruht und nicht nach Komplimenten schielt. Pauls Weine pfeifen fröhlich auf Tendenziöses. Wer seine Weine trinkt, bekommt eine Ahnung, wie es sich anfühlt, wenn man liebt, was man tut. Pauls Weine verweigern äußere negative Einflüsse genauso konstant unverkrampft wie er selbst — deswegen sind es gerade die vermeintlich schwachen Jahrgänge, in denen nicht nur ich seine spielerische Konsequenz mit großer Freude wahrnehme.

Danke Paul.